• Chevy

"TERROR: Kapitel 1" von Cevdet 'Chevy' Ildiz


»Hallo, mein langjähriger und guter Freund. Wie geht es dir? Wir sehen uns aufgrund der Entfernung ja gar nicht mehr. Ich hoffe du kannst mir verzeihen, dass ich so lange nicht von mir hören gelassen habe. Wichtig ist mir nur Eines: Wenn du diesen Brief erhältst, sollst du wissen, dass ich unsere gemeinsame Zeit vermisse und dich gerne einmal wiedersehen würde. Komm doch mal zu Besuch, wenn du Zeit hast. Ich würde mich freuen und könnte dir ein bisschen zeigen, was sich hier in der Stadt verändert hat. Ich habe ein kleines Büro, die Anschrift schicke ich dir mit. Ich erwarte dich.

MfG

Hutch Birkin«






KAPITEL I: HUTCH


Es ist ein kalter, nasser Wintertag in dem kleinen Städtchen mitten in Oregon und Hutch sitzt in seinem Büro. Spärlich eingerichtet für einen freiberuflichen Journalisten. Das Einzige, was er an Unterhaltung hat, ist ein alter Röhrenfernseher, dessen Marke man, aufgrund des Alters, nicht einmal mehr erkennen kann. Ein alter Schreibtisch, den er vor einigen Jahren gekauft hat und der schon auseinanderfällt. Hutch musste ihn sogar an einem Tischbein stabilisieren, weil es bei einem kleinen Unfall mit dem Golfschläger, ein passender Sport für einen Freiberufler, abgebrochen ist. »Sport ist nun mal Mord. Auch wenn das Opfer ein Möbelstück ist.« Das Fenster klemmt und man muss praktisch seine ganze Kraft aufbringen, wenn man es mal öffnen will. Ganz zu schweigen von der höllisch lauten Klimaanlage. In der einen Ecke neben der Eingangstür steht der Kleiderständer mit einem Hut, die Sorte mit Krempe, wie von einem Detektiv, und ein langer Trenchcoat. In der anderen Ecke hatte Hutch einen Kleiderschrank stehen mit Klamotten, allerdings keine von bekannten Marken. Er verachtet diesen Trend. Für besondere Anlässe, hängen noch zwei Anzüge darin, die er jedoch immer seltener anzieht. Wenn man keine Frau und Kinder hat, beschränken sich solche Gelegenheiten nur noch auf die Eltern oder andere Verwandte und gute Freunde. Von Letzterem hat Hutch nur einen, der aber schon lange hier weggezogen ist um Karriere zu machen. Vor ein paar Tagen noch, hat er ihm einen Brief geschrieben in der Hoffnung, ihn bald wiederzusehen.


Hutchs Vater hat der Krebs dahingerafft. Zu viele Zigaretten. Dieses Laster hat Hutch sehr schnell aufgegeben, nachdem er seinem Vater im Krankenhaus beim Sterben zusehen musste. Jeden Tag konnte man sehen, wie ihm mehr und mehr das Glänzen in seinen Augen genommen wurde, bis er den jungen Hutch, eines Tages, nur noch aus leeren Höhlen anzustarren schien. Er kämpfte tapfer und sagte immer wieder, er würde es schon schaffen und Hutch solle sich nur gut um seine Mutter kümmern. In der Anfangszeit hatte er es ihm noch glauben können, doch je weiter der Krebs voranschritt, desto mehr verließ seinen Vater der Kampfgeist, bis er eines Tages starb, während Hutch und seine Mum nur tatenlos zusehen mussten.

Das war für ihn wie ein Weckruf und er schmiss alle seine übrigen Zigarettenschachteln weg. Seitdem hat er keinen von diesen Todesbringern mehr angerührt. Seine Mum lebte noch einige Zeit länger, aber den Schmerz des Verlustes konnte sie nie wirklich überwinden. Sie starb einige Jahre später und lies Hutch vollends allein in dieser Welt. Mit anderen Familienmitgliedern hatte er nie viel zu tun. Nun sitzt er hier und sehnt sich nach diesen sorglosen Zeiten, die er mit seinem Vater verbracht hat. Hutch war immer ein Horrorfan. Diese Vorliebe hat er wohl von seinem Vater, denn seine Mutter konnte damit nun gar nichts anfangen. Ohne das Wissen von ihr und mit dem Versprechen es geheim zu halten, hat sein Vater damals mit Hutch auf ihrer alten Konsole Horrorspiele gespielt. Solche in denen es von Zombies und Geistern nur so wimmelte. Schrecklich entstelle, fast noch menschliche Monster, die sich auf den Helden, oder die Heldin schmissen um Ihre Zähne und Klauen in das Fleisch zu bohren. Mutierte Hunde, die mitunter immer zu Hutchs Hassgegnern in Videospielen galten und allerlei andere Schauergestalten. Hutch sehnte sich zu diesen sorglosen Zeiten zurück.


Er hat nicht viele Stories, über die er schreiben kann und man kennt ja so kleine Städtchen. Typisch klischeehaft. Wenn da mal etwas gestohlen wird, ist das schon das Schlimmste was passieren kann. Er sieht sich wie jeden Abend eine seiner Lieblingssendungen an. Eine Dokureihe über alte Pharaonen und Mumien. Solch ein Kram halt, der sich um den Tod dreht. Das ist etwas, was Hutch schon immer fasziniert hat. Wie verschieden die Menschen mit dem Tod umgingen. Die einen begruben ihre Angehörigen ganz einfach, die anderen positionierten sie bei der Beisetzung in einer bestimmten Position und wieder andere äscherten sie ein. Die alten Ägypter waren seiner Meinung nach immer die Könige der Begräbnisse. Grabstätten so groß wie heutige Hochhäuser und von innen so prunkvoll wie die schönsten Villen. Sie glaubten an ein Leben nach dem Tod, so wie es viele Religionen tun. Hutch kann sich so etwas nicht vorstellen. Was soll schon passieren, wenn ich sterbe? Ich schlafe ein und wache nie wieder auf. Vielleicht ist das ganze Leben nur ein Traum und am Ende erwachen wir alle daraus? Aber wer weiß das schon? Eines der vielen Mysterien, welche nie geklärt werden, denkt er sich, prostet dem Fernseher zu und trinkt noch einen Schluck. Hutch ist noch immer in Gedanken als es plötzlich an der Tür klopft. »Wer kann das so spät noch sein? Ein Kollege?« Beim Aufstehen gibt sein Stuhl ein Ächzen von sich und Hutch geht schlurfend und murrend zur Tür. Die Bierdose in der Hand, öffnet er die Tür langsam. Um diese Zeit in einem dicken Mantel und Handschuhen. Ihr langes braunes Haar ist wie immer zu einem Zopf gebunden und um den Hals trägt sie einen Schal. Sogar einen Regenschirm hat sie dabei, um sich vor den fallenden Wassermassen zu schützen. Dessen acht Segmente sind abwechselnd in grellem Rot und Weiß gefärbt. Die Farben erzeugen bei Hutch gemischte Gefühle. Lara begrüßt ihn und übergibt ihm einen Brief.


»Hey Hutch. Wieder mal beschissenes Wetter heute.«

»Du sagst es Lara. Genauso ein Wetter wünscht man sich, wenn es ohnehin schon so kalt ist, dass man die Autoscheiben freikratzen muss«, bemerkt Hutch mit einem Augenrollen und gespieltem Zittern.

»Tja, wie gut, dass ich kein Auto habe, was? Aber hier, ich habe was gegen die Kälte.« Sie holt eine Thermosflasche heraus. »Ich weiß doch, dass du keine Kaffeemaschine in deiner Wohnung, ich meine in deinem Büro hast.«

»Du bist meine Lebensretterin! Ich liebe deinen Kaffee.« Er holt sich eine seiner Tassen (genau zwei an der Zahl) und lässt sich von Lara etwas einschenken.

»Wie siehts aus, wollen wir demnächst mal wieder ins Kino gehen?«

»Wieso nicht. Aber nur wenn du mich mit deinem Wagen abholst. Bei dem Wetter will ich nur laufen, wenn es unbedingt nötig ist.« Dabei greift sie sich mit übertriebener Schmerzensgrimasse an die Füße.

»Führerschein meine Liebe. Kann man immer gebrauchen.« Er zwinkert ihr zu. Hutch trinkt ein paar Schlucke Kaffee und die beiden verabschieden sich. »Ich melde mich bei dir!«, ruft er ihr noch hinterher. Sie sieht sich um, zwinkert ihm zu und winkt zum Abschied. Sekunden ist Hutch noch in der Vorstellung gefangen, mit Ihr endlich im Bett zu liegen und riecht noch ihr Parfüm, bevor er wieder zur Besinnung kommt und die Tür schließt, um die eisige Kälte auszusperren. »Es kommt ganz sicher ein Sturm auf. Ich hoffe, dass sie heil zu Hause ankommt. Ich werde nachher mal anrufen«, murmelt er zu sich selbst. Wieder im Warmen setzt Hutch sich auf seinen neuen Bürostuhl. Natürlich die Sorte mit Kopfteil und ergonomisch geformten Wirbelstützen. Einer der wenigen Luxusgüter, weil Einziges. Er legt seine Beine hoch und fängt an, an seinem Kaffee zu nippen. Er schmeckt köstlich, wie immer. Lara muss einfach eine top Kaffeemaschine in Ihrer Wohnung haben. Dann nimmt er den Brief in die Hand. Was ist das denn für ein alter Brief?, denkter sich und schaut ihn genau an. Er sieht sehr alt aus. Als Empfänger wird nur ̎Mr. Birkin̎genannt. Was auch erklären würde, wieso die Post ihn zu Hutch gebracht hat. Er ist weit und breit der einzige Birkin, der noch lebt. Die Briefmarke kommt ihm allerdings schon sehr alt vor. Jedenfalls ist der Brief schon nicht mehr richtig weiß, sondern etwas vergilbt und mitgenommen. Als wäre er jahrelang verwahrt worden. »Aber das kann doch nicht sein, oder?«, fragt er in den Raum. Was ihn auch verwirrt ist die Tatsache, dass es keinen Poststempel gibt. Als wäre er persönlich abgegeben worden und von einer vertrauen Person….! »Ob Lara etwas über den Absender weiß? Ich denke ich werde sie noch einmal anrufen«, beschließt er. »Bei der Gelegenheit kann ich mich auch erkundigen, ob sie heil zu Hause angekommen ist und mich für den köstlichen Kaffee bedanken.« Nachdem er seinen Kaffee genossen und die Tasse abgespült hat, setzt er sich und wählt ihre Nummer. Es mag vielleicht wunderlich klingen, wieso Hutch die Handynummer von seiner Postbotin hat, aber sie kennen sich schon ein paar Jährchen, sind beide so ziemlich im selben Alter und nun ja, er steht total auf sie. Lara nimmt den Anruf nach einer gefühlten Ewigkeit entgegen:

»Hey Hutch, was gibt es denn?«, fragt sie außer Puste.

»Hey Lara, nichts Besonderes, aber erst einmal danke für den wiedermal hervorragenden Kaffee. Wenn ich nicht um deinen spärlichen Verdienst wüsste, würde ich denken, du hast eine dieser Luxus-Kaffeemaschinen bei dir in der Wohnung stehen. Hoffe du bist heil angekommen bei dem Wetter?«

»Ach das ist alles nur eine Frage der richtigen Technik beim Aufbrühen weißt du? Das Geheimnis heißt Zeit. Viel, viel Zeit.« Dabei legt sie ein Kaffeepad in ihren Kaffeevollautomaten und drückt auf die Tasten zum Starten. »Und ja, klar bin ich gut angekommen. Hat halt ein bisschen länger gedauert als sonst.«

»Das freut mich zu hören. Und eine andere Sache. Es geht um den Brief den du mir zugestellt hast. Da ist gar kein Poststempel drauf. Weißt du vielleicht, wieso?« Er hält den Hörer so fest in der Hand, dass man schon das Weiße an den Fingern sieht

»Ach der. Ja der lag hinten in der ̎Fundgrube̎ wie wir sie nennen. Da wandern Briefe hin, die nicht zugestellt werden können. Und wo ich so am Stöbern war, habe ich ihn da liegen sehen und gedacht, er wäre vielleicht wichtig für dich. Du weißt schon, weil deine Eltern verstorben sind und vielleicht ja etwas drin steht das dich interessieren könnte. Tut mir leid, wenn das zu anmaßend war.«

»Nein nein, alles ok. Ich wollte nur wissen, ob er dir vielleicht persönlich übergeben wurde, weil er schon so alt aussieht.«

»Ah ich verstehe, aber ist schon komisch. Ich weiß ja so einiges über Briefmarken und die auf dem Brief sah ziemlich mitgenommen aus. Als würde sie schon lange da drauf kleben.« Dabei nimmt sie die nun volle Tasse unter dem Automaten hervor und trinkt einen ordentlichen Schluck.

»Ach wirklich? Na, vielleicht behalte ich sie und lasse sie schätzen.« Hutch dreht den Brief in seiner Hand hin und her. Dabei wächst seine Neugier.

»Ach in dem Zustand ist die nichts mehr wert, aber versuch es ruhig. Wir sehen uns dann die Tage, ja? Ich bin total am Arsch.«

»Alles klar, danke nochmal. Ich melde mich.«


Er legt auf und überlegt, ob er den Brief öffnen sollte oder nicht. Am Ende kann er seine Neugier natürlich nicht zurückhalten. Also nimmt Hutch seinen Brieföffner, den ihm seine Mutter damals zur Weihnachtszeit schenkte und öffnet den Brief. Ich rieche eine gute Story, denkt er sich. Es ist ein gefaltetes Blatt DIN A4 Papier darin und auf der nach dem Öffnen sichtbaren Seite steht in Großbuchstaben: »HELFEN SIE MIR MR. BIRKIN!« Folgendes steht Wort für Wort in dem Brief, den Hutch sich gebannt durchliest.


̎Sehr geehrter Mr. Birkin.

Sie kennen mich nicht, aber ich brauche Ihre Hilfe. Ich wohne in einem kleinen Städtchen nördlich von Ihrem. Es heißt Darrey. In letzter Zeit passieren hier immer mehr unerklärliche Dinge. Menschen verschwinden, die Tiere spielen verrückt. Aus den Wäldern hört man immer wieder beunruhigende Geräusche und die Bewohner verhalten sich seltsam. Ich selbst kann auch nicht mehr klar denken. Falle immer wieder in einen kurzen Schlaf. Fühle mich wie in Trance und wache manchmal an Orten auf, an die ich nie gehen würde. Einmal bin ich morgens in meinem Bett aufgewacht und hatte Erde an den Füßen. Ich kann die örtlichen Gesetzeshüter nicht damit konfrontieren, weil ich befürchte, dass die mit in der Sache stecken. Ich habe Ihre Adresse von einem Freund, der mal bei Ihnen in der Stadt gewohnt hat. Er sagte mir, dass Sie ein verlässlicher Mensch sind und immer helfen würden. Deshalb ersuche ich Sie: HelFen Sie mIr! Bite KomMen SieE SSO SchNEll Es gEHt. Ich hAbe AnGst um mAAin LeBen und uM das meiner TOOchter.̎


Seine Augen weiten sich mehr und mehr, je weiter er in dem Brief voranschreitet. Am Ende schlägt er sich eine Hand vor Entsetzen vor den Mund. Der letzte Teil wurde undeutlich geschrieben, als hätte die Person Panik und Todesängste. »Verdammt was mache ich jetzt nur? Vielleicht zur Polizei gehen? Oder die ganze Sache als Spaß abtun und vergessen? Andererseits möchte ich verdammt sein, wenn das nicht nach einer riesen Story riecht.« Aber da war noch etwas anderes. Ein Gefühl, das Hutch nicht beschreiben konnte. In etwa so, als kann er damit vielleicht eines der großen Mysterien aufklären, über die er vorher noch sinniert hat. »Ich denke ich werde mich erst einmal hinlegen und eine Nacht darüber schlafen, wenn ich kann«, sagt er sich. Hutch legt sich auf die Matratze in seinem Büro (ja, sowas nennt man wohl ̎Leben für den Job̎) und versucht zu schlafen. Da das aber, aufgrund des verstörenden Briefinhaltes, nicht in Frage kommt, setzt er sich an seinen Laptop und googelt das Städtchen Darrey, um sich ein paar Informationen zu holen. Tief in seinem Inneren hat sich ein Teil von ihm schon auf den Weg dorthin gemacht. Nur der Rest wusste es noch nicht. Er schaut sich die Bilder an, die auf der Seite aufpoppen und nimmt sein Diktiergerät zur Hand: »Nur eine kleine Stadt nordöstlich von hier, mit etwas weniger Einwohnern, wenn das überhaupt möglich ist. Ein Krankenhaus, eine Schule, und ein Sägewerk. Ein kleines Polizeirevier, wahrscheinlich genauso spärlich eingerichtet wie bei uns, am nördlichen Ende. Außerdem wohnt, oder wohnte, dort eine angesehene Familie mit Namen ̎Gelvey̎. Es gibt sogar Bilder von der Villa die wohl ̎Gelvey Manor̎ genannt wird.« Hutch lässt es erst einmal gut sein und legt sich wieder hin. Er träumt seit langer Zeit wieder von seinem Vater, der an seinem Schreibtisch sitzt und schreibt. Damals war er als Berater bei der Polizei tätig und fast immer unterwegs. Es gab selten mehrere Tage, an denen er am Stück zu Hause war. Wo immer er beratend tätig war, er sagte es Hutch nie. Seinen Doktor in Medizin, hatte er damals angefangen, aber nie beendet. Wie er so an seinem Schreibtisch sitzt, sieht Hutch den großen massigen Schatten von seinem Vater an der Wand. Hutch geht auf Ihn zu und je näher er ihm kommt, desto intensiver steigt in ihm ein komisch unangenehmer Geruch in die Nase. Er weiß nicht was es war, aber es riecht unangenehm. Wie wenn man Fleisch zu lange draußen stehen lässt und es diesen süßlich stechenden Geruch annimmt. Er geht näher auf seinen Vater zu und plötzlich fliegt eine Krähe empor, genau vor seinem Vater auf dem Schreibtisch. »Verdammt was macht ein Rabe hier. Und was hat er da in seinem Maul? Ein Stück Fleisch?« Hutch hat noch nie so viel Angst gehabt, wie in diesem Moment. Die Hand seines Vaters die gerade eben noch fleißig Schreibbewegungen machte, liegt jetzt plötzlich still auf dem Tisch. Der Körper mit seinem Kopf komisch nach vorne gebeugt, als wolle er nicht, dass jemand bei ihm abschreibt, ist nun regungslos. Hutch nähert sich weiter, doch als er ihn berühren will, um zu sehen, wie es ihm geht, wandert sein Blick nach oben zur Decke. In nächsten Moment ist der obere Teil des Hauses wie durch Magie verschwunden. Stattdessen blickt er in eine Schar von Raben. Was ist hier los? Die Raben blicken Hutch kurz an und stürzen dann auf ihn herab. Die Schnäbel weit aufgerissen, entblößen sie rasiermesserscharfe Zähne. »OH GOTT DIESE AUGEN! DIESE BLUTROTEN AUGEN!« schreit Hutch voller Entsetzen, während er seine Arme erhoben versucht, die Raben abzuwehren. »GEHT WEG! LASST MICH IN RUHE VERDAMMT!« Doch die Raben picken ohne Unterlass Löcher in seine Unterarme und fliegen mit dem Fleisch zwischen ihren Schnäbeln davon. Einige kann er noch zu Boden schlagen. Als er wieder die Augen öffnet und auf seine Arme und Hände blickt, schreit er nur voller Panik und mit einem Wimmern in der Stimme: »SIE HABEN MIR DIE HÄNDE ZERFRESSEN! OH SCHEIßE MEINE HÄNDE!« Anstatt der Finger sind nur noch Stummel übrig und seine Arme haben blutende Löcher, so groß wie Geldstücke. Hutch schreit im Traum aus tiefster Kehle und erwacht ebenso schreiend und in Schweiß gebadet in seinem Bett. »Scheiße! Was für ein abartiger Traum!« Er wischt sich über die Augen und fühlt Tränen. In Erwartung, dass seine Arme und Hände verunstaltet sind, schaut er auf sie herab, aber sie sind unversehrt. Erleichtert legt Hutch sich wieder hin und schläft beinahe sofort wieder ein. In dieser Nacht plagt ihn kein Traum mehr. Am nächsten Tag erwacht er in fester Überzeugung, dass auf seinem Tisch kein Brief von einer Unbekannten auf ihn wartet und er den Tag davor nur geträumt hat. Natürlich liegt der Brief geöffnet an der Stelle, wo er ihn Gestern zurückgelassen hat und mit ihm stellt er sich abermals die Frage: »Was soll ich tun?« Er beschließt sich auf eine seiner morgendlichen Spaziergänge durch den örtlichen Park zu begeben und dabei ein Eis zu essen. Er zieht sich an und verlässt sein Büro. Als er in den Eisladen von Jacob eintritt, begrüßt dieser ihn wie immer mit einer Frage, die Hutch gerne beantwortet.


»Guten Morgen Hutch. Himbeere mit Pistazie wie immer mit Sahne und Schokosoße?«

»Jacob mein Bester, du bist und bleibst die Nr. 1 unter den Eisverkäufern. Mit dir und deinem Eis, fängt der Morgen immer gut an.«

»Das freut mich zu hören. Dann lass es dir mal schmecken. Du siehst übrigens gar nicht gut aus. Als hättest du die ganze Nacht lang durchgeweint. Hat Lara dich versetzt?« Damit zieht er Hutch immer gerne auf.

»Witzbold. Aber du hast Recht, ich habe echt beschissen geschlafen. Seit Langem mal wieder von meinem Vater geträumt. Aber es war nun wirklich kein guter Traum. Und nur zu deiner Info: Lara und ich gehen demnächst ins Kino!« Das sagt er mit etwas Stolz in der Stimme.

»Oh Mann! Das mit dem Traum tut mir echt leid. Und Lara tut mir natürlich auch leid. Jetzt verschwinde aus meinem Lokal, du vergraulst mir die Kundschaft du Häufchen Elend!« Dabei legt er eine erboste Miene auf.

»Jaja du Griesgram, nur weil du mit deinem Eis verheiratet bist. Bis Morgen. Selbe Zeit, selbes Eis.« Mit diesem Spruch verabschieden sich die Beiden jedes Mal.

Hutch lacht und geht seines Weges in Richtung Park. Er verspeist seine mächtige Eisportion beim Spazierengehen, wirft ihn in einen Mülleimer und setzt sich auf die einzige Bank im Park. Es ist ein schöner Tag, ganz im Gegensatz zu Gestern. Als hätte der Brief unter einem schlechten Stern gestanden. »Ok, also was soll ich tun? Zu besagtem Ort gehen und dem Ganzen nachschnüffeln in alter Journalisten Manier? Oder doch nichts unternehmen? Ich habe zwar Angst, aber bin auch verdammt neugierig, was das alles soll. Ich glaube, ich werde erstmal mit Lara reden und ihr von meinem Vorhaben erzählen. Mal schauen was sie dazu sagt. Im schlimmsten Fall könnte sie dann die Polizei alarmieren.« Hutch erhebt sich von der Bank und macht sich auf den Weg zur Poststelle, um Lara zu treffen. Heute ist sie am Schalter und steht alleine hinter dem Pult.

»Hey Lara. Hast du mal kurz Zeit unter vier Augen zu reden?«

Sie hebt die Augenbrauen fragend und verzieht die Lippen zu einem leichten Lächeln. »Na, hast du etwas angestellt? Denk daran ich bin Beamtin und kann dich festnehmen«, sagt sie mit einem Zwinkern.

Hutch hebt die Hände, als wolle er sich ergeben und folgt Ihr in den hinteren Bereich. »Also, es geht um den Brief, den du mir gestern zugestellt hast.«

»Ach ja? Und waren es gute Nachrichten?« Sie setzen sich an einen Tisch. Hutch erzählt ihr alles, was in dem Brief steht, und was er im Internet herausgefunden hat. Zunehmend wächst dabei in ihm das Unbehagen. Als würde man im Meer schwimmen und tauchen, gleichzeitig aber nicht sehen wollen, was sich unten im Wasser verbirgt. Was vielleicht gleich nach einem schnappen könnte oder in was für eine grauenhafte Fratze man blicken wird wenn man taucht. Bilder eines Meeresungeheuers kommen Hutch in den Sinn. Der Cthulhu, oder ein Riesenkraken. Ein Hai mit tiefschwarzen Augen und einem Maul, so groß, dass es mich mit einem Bissen verschlingen kann und rasiermesserscharfen Zähnen.

»Wow«, war ihr einziges Wort. Dann: »Naja du bist Journalist und das klingt nach einer riesen Story. Aber Hutch, das hört sich verdammt unglaubwürdig an. Fast wie aus einer Gruselgeschichte von diesem Autor. Wie heißt er gleich?«

»Stephen King. Ich weiß. Jedenfalls überlege ich ernsthaft, mich mal dort umzuschauen. Ich meine, was wenn das echt mein Durchbruch als Journalist wird? Andererseits habe ich viel zu viel Bammel nachdem, was ich gelesen habe. Vielleicht sollte ich das doch der Polizei melden?« Dabei knabbert Hutch an seinen Fingernägeln. Eine Angewohnheit, die er selbst an sich verabscheut.

»Aber steht nicht in dem Brief, dass auch die Polizei davon wüsste? Ich meine, es sind zwar verschiedene Städtchen, aber meinst du nicht, die Polizei hat so Ihre Beziehungen über die Stadtgrenzen hinaus?« Daran hatte Hutch nicht gedacht.

»Verdammt du hast Recht, aber an wen soll ich mich dann wenden? Ich meine, ich kenne kein hohes Tier oder so. Und um es als Artikel zu bringen, habe ich zu wenig Fakten«, sagt Hutch und klingt schon fast verzweifelt.

»Du solltest der Sache nachgehen. Nur mal kurz rein und wieder raus. Ich meine, was soll schon passieren? Ist ja nur eine kleine Stadt und ich glaube kaum, dass da Zombies rumlaufen oder so.«

Sie hat Recht, denkt er. Es ist ganz sicher ein Hilferuf und dazu ein Verzweifelter, aber es muss logische Hintergründe geben. Beflügelt von Laras Worten, beschließt Hutch sich auf ins Ungewisse zu machen. »Laut Google soll es ja echt nur eine kleine Stadt sein. Vielleicht bleibe ich noch einen Tag dort. Ich hoffe du hast Recht, aber um sicher zu gehen rufe ich dich auf jeden Fall an, um von mir hören zu lassen ok?«

»Klar«, sagt Lara »Mein Handy habe ich immer bei mir.« Sie gibt Huch einen Kuss auf die Wange. »Pass auf dich auf. Und wenn du wiederkommst, gehen wir ins Kino.«

»Alles klar, aber diesmal suche ich den Film aus.« Mit diesen Worten und beflügelt von dem Kuss, welchen er soeben von seiner Traumfrau erhalten hatte, schreitet Hutch durch die Tür. Sie winkt ihm noch nach, Hutch erwidert den Abschiedsgruß.


Gleich danach geht Hutch in den Foto-Shop von Mr. Crawley und kauft eine neue Speicherkarte für seine Kamera. Er hat das Gefühl, dass er viel fotografieren wird. Außerdem kauft er sich eine Taschenlampe und ein bisschen Proviant im Supermarkt. Nicht viel. Nur ein paar Nussriegel und Wasser. »Ich muss endlich weg von dem Scheißzeug. Das kann langsam schädlich werden«, witzelt er, nimmt einen Riegel und vertilgt ihn mit zwei Bissen. Außerdem hat er keine Lust horrende Summen für Essen zu bezahlen. »Für die eine Nacht, reicht das schon.« In seinem Büro/Zuhause angekommen, packt er seinen Rucksack. Er beschließt noch eine Decke und ein Fernglas einzupacken. Man weiß ja nie, was noch kommt und ein Journalist verlässt sich nicht auf sein Glück, um an eine gute Story zu kommen. Einmal wollte er unbedingt eine Story über einen Promi schreiben, der beschlossen hatte, hier in einem kleinen umliegenden Städtchen Urlaub zu machen. Menschenmassen drängten sich am Eingang der Villa, die er sich etwas außerhalb extra für eine Menge Geld bauen ließ. Hutch war nicht so dumm. Er wartete bis es Nacht war und zog los, bewaffnet mit Kamera und Fernglas, um ein paar persönliche Momente auf Bild festzuhalten. Leider musste er zuvor einen etwas zu hohen Zaun überwinden. Er schaffte es gerade noch so, doch die Risse an seinen Händen und Armen dankten es ihm nicht. Seit diesem Tag hat Hutch immer eine Decke mitgenommen, wenn er auf Story Suche ging. Notizblock und Stifte steckt er in die Seitentaschen. Der Brief wird sicherheitshalber in der Schreibtischschublade verschlossen. »Alles klar. Vorbereitung ist alles. Jetzt kann ich mich noch auf´s Ohr hauen und morgen mache ich mich auf den Weg« Er legt sich hin und schläft fast sofort ein. Am nächsten Morgen wacht er auf und sieht sich um. Er erblickt den gepackten Rucksack und starrt ihn zunächst ungläubig an. Sollte er es wirklich tun und zu dieser Stadt fahren? Aber dann denkt er an Laras Worte und den Kuss. Das erste Mal, dass sie ihn geküsst hat. Schnell putzt er sich die Zähne, und duscht, damit er es sich nicht doch noch anders überlegt. Als er fertig ist, nimmt er seinen Mantel und seinen Hut von der Garderobe und geht aus dem Haus. Ein kleiner Rest Zweifel kommt bei ihm auf und er macht kehrt, um sein kleines Taschenmesser mitzunehmen. »Für alle Fälle!« Das wiederrum ist ein Überbleibsel aus den Hinterlassenschaften seines Vaters. Es ist nicht mehr sonderlich scharf, aber es sollte reichen. Hutch packt alles auf den Rücksitz seines alten Chevys, den er von seinen Eltern übernommen hat und macht sich auf den Weg. Die Stadt wird immer kleiner, als er die Landstraße weiterfährt. Der Himmel ist klar und sonnig. Ein frischer Wind weht und die Vögel sind unterwegs auf ihren Patrouillen. Hutch kommt an eine Weggabelung und schaut auf die Karte. »Nördlich ist die nächste Stadt von hier Blakeville und davor geht eine Strecke ab Richtung Osten. Ein Waldgebiet, angrenzend an einen See ohne Namen. Zumindest nicht auf meiner Karte.« Hutch fährt also weiter und macht noch einmal Rast an einer kleinen Tankstelle, um den fast leeren Tank zu füllen. Bei der Gelegenheit will er auch gleich Lara anrufen und seinen Standort durchgeben. Hutch fährt auf die Tankstelle mit nicht mehr als zwei Zapfsäulen und macht sich daran, aufzutanken. Während die Tankanzeige steigt, ebenso wie der Geldbetrag, setzt er sich noch einmal ins Auto und zückt sein Handy. »Safety first«, sagt er zu sich im Rückspiegel. Er öffnet sein Handy und erschrickt: »Scheiße! Der Akku ist leer! Verdammt, ich habe mich so von der Abenteuerlust packen lassen, dass ich vergessen habe, den verdammten Akku zu laden!« Das trifft Hutch wie ein Schlag ins Gesicht. »Mist, soll ich vielleicht doch lieber wieder nach Hause fahren und die ganze Sache vergessen?«, fragt er sich selbst im Rückspiegel. Er zieht noch einmal die Karte zu Rate. »Aber laut Karte, ist die Strecke zurück, doppelt so weit, wie wenn ich einfach weiterfahre.« Hutch steigt aus und beschließt erst einmal zu zahlen. Er steigt aus und be«tritt die Tankstelle. Der Mann hinter der Kasse ist ein großer und breiter Kerl mit Latzhose. Hutch fragt ihn nach dem Telefon. „Dafür kaufen sie aber sicher was, oder Meister?“, fragt der Kassierer mit einem Grinsen im Gesicht. Als er Hutch das Telefon gibt, entblößt er seinen Unterarm. Sind das Einstichwunden? Hutch wählt Laras Nummer, doch nach langem Warten geht nur die Mailbox ran. Er spricht darauf: »Hey Lara, ich bin grad an einer Tankstelle in der Nähe von Darrey. Wollte nur mal kurz von mir hören lassen. Also bis spätestens Morgen.« Als er dem Kassierer/Junkie das Telefon wiedergeben will, sagt dieser zu Hutch:

»Hey ich wollt nicht lauschen, aber sie wollen wohl nach Darrey, oder?«, fragt er. Er hat ein leichtes Lispeln in der Stimme. Am Arm hat er ein Totenkopf Tattoo und trägt eine Baseball Mütze. Das Tattoo hat Hutch nur kurz sehen können, als der Mann ihm das Telefon gab.

»Ja richtig. Wieso? Wissen sie etwas darüber? Soll eine nette kleine Stadt sein. Nichts Besonderes daran, laut Google.«

»Meister, haben sie Familie oder Bekannte dort?«

»Nein. Ich bin nur auf der Durchreise und wollte dort Etwas nachgehen. Ich bin Journalist.« Hutch ahnt nichts Gutes.

»Sorry das zu sagen, aber Darrey ist seit vielen Jahren nicht mehr bewohnbar.«

Hutch fällt der Hörer fast aus der Hand als er das hört, so geschockt ist er über das Gesagte. Er muss wohl ausgesehen haben, als hätte er einen Geist gesehen, denn der Kassierer spricht sofort weiter, als er merkt, dass Hutch sprachlos ist.

»Dort wütete ein großes Feuer und hat fast alles niedergebrannt. Is ne Geisterstadt. Glaube die is auch nirgends mehr eingezeichnet. Aber ich dachte, das würd sich rumsprechen.«

Hutch schluckt einmal und hört ein Klicken in seinem ausgetrockneten Hals. »Aber nein, auf Google sieht man nichts dergleichen. Da sind schöne Bilder eines netten kleinen Städtchens drauf.«

»Leider hab ich hier keinen Computer, aber sie können mir glauben. Dort finden sie nichts für Ihre Story.« Er zeigt dabei auf die Kamera, die um den Hals von Hutch hängt.

»Ok. Ich danke Ihnen für die Info«, sagt Hutch. »Dann nehme ich noch ein Päckchen Marlboro bitte.

»Na, das Zeug bringt sie aber um Meister, wenn ich das so sagen darf.«

»Ich rauche nicht, aber danke für die Sorge«, sagt Hutch mit einem netten Lächeln. Als der Kassierer sich umdreht und bückt, um das Päckchen Todesbringer zu greifen, bemerkt Hutch ein Tattoo an seinem Nacken. »Ein Barcode?«, fragt er lauter als gewollt.

»Was haben sie gesagt Meister?«, fragt der Kassierer, als er Huch das Päckchen Zigaretten übergibt.

»Ach nichts. Danke für die Zigaretten und noch einen schönen Tag.«

Und so verlässt Hutch die Tankstelle. Im Augenwinkel kann er noch sehen, dass hinter der Theke unter dem einen Regal ein Laptop steht. Wahrscheinlich nur der Akku leer oder so, denkt er sich und steigt ins Auto. Hutch braucht kurz Ruhe. Die Zigaretten verstaut er in der Innentasche seines Trenchcoats. Das ist ein kleines Ritual von ihm. Er kauft sich immer einmal im Monat eine Packung Zigaretten und wirft sie dann an einem öffentlichen Platz in den Müll. Am besten, wenn ihn noch Leute dabei zusehen. Die meisten Einwohner der Stadt kennen das schon und beachten ihn gar nicht mehr. Aber manchmal kommen Kinder auf Ihn zu und fragen ihn, wieso er eine neue Packung Zigaretten in den Müll wirft. „Die Dinger bringen Euch um!“, sagt er dann und erzählt Ihnen die Geschichte von seinem Vater und dem Krebs. ̎Mein Vater und der Krebs̎. Klingt wie ein Titel für ein Buch. »Vielleicht setze ich mich mal daran zu schreiben nach dieser Sache.« Aus irgendeinem Grund wird ihm langsam speiübel. Dazu kommen Kopfschmerzen und ein schier unbändiger Durst. Er öffnet eine Flasche Wasser und trinkt sie in einem Zug aus. »So. Besser. Jetzt mal langsam. Wieso zeigt das Internet nur die alten Bilder von der Stadt und nicht die neuen aktuellen? Und wieso gibt es keinerlei Infos über einen Brand? So klein die Stadt auch war oder ist, das hätte sich doch rumsprechen müssen oder nicht?«, fragt er sich selbst abermals im Rückspiegel. Hutch fährt los und sieht noch im Vorbeifahren den Kassierer, wie er ihm hinterherschaut. »Komischer Vogel. Aber er war nett, also wieso verdammt geht mir seine Visage nicht aus dem Kopf! Oder war das am Ende alles nur eine Lüge, um sich auf Kosten von Anderen zu erheitern? Wenn das so sein sollte, werde ich dem Burschen auf dem Rückweg noch einen Besuch abstatten.«, schwört er sich und fährt weiter, bis er auf besagte Gabelung stößt. Auf einem Schild kann er ̎Da..ey̎ lesen. Hier muss es sein. Er biegt mit seinem Wagen in das Waldstück ein, durch das eine unbefestigte Straße weiter nach Osten führt und langsam ansteigt. Sein Chevy hat zunehmend Probleme diese Herausforderung zu bewältigen und bleibt immer wieder in dem schlammigen Boden stecken. »Verdammter Heckantrieb. Hätte ich Geld, würde ich dich gegen einen Allrad eintauschen!« Wie aus Protest bleibt just in diesem Moment der Wagen ganz stecken und rührt sich nicht mehr. »Scheiße! Wie soll ich denn da rauf kommen!« Hutch steigt aus und geht an den Kofferraum. Für alle Fälle hat er immer ein paar Wanderschuhe darin liegen. »Wenn das keine gute Story wird, wechsle ich den Beruf!« Er zieht sich um und nimmt sein Gepäck auf den Rücken. »Also zu Fuß weiter.« So geht er noch ungefähr 20 Minuten den Weg entlang, bis er an einen Abhang kommt. Links von Ihm führt eine Straße, die viel zu schmal scheint, runter ins Tal, wo sich das kleine Städtchen vor ihm erstreckt. Nur ist dort keine Stadt mehr zu sehen, sondern nur noch schwarze Ruinen. »Verdammt! Der Bastard hat tatsächlich Recht gehabt! Ich habe echt gehofft, der will mich nur verarschen.« Hutch nimmt sein Fernglas aus dem Rucksack und schaut sich alles an. Dort wo die Straße hinführt, war wohl mal die Mainstreet, die sich durch die ganze Stadt erstreckte. Von ihr sieht man noch teilweise drei oder vier Abzweigungen jeweils nach links und rechts. Eine davon führt einen Hügel hoch, wo das Manor prunkvoll hinaufragt. Es sieht aus, als hätte es nicht einen Kratzer von dem Feuer abgekriegt. »Na was für ein Glück. Sonst hätten die reichen Säcke noch Geld ausgeben müssen.« Am Ende der Mainstreet stehen links ein paar Häuser und rechts die Polizeistation, die noch größtenteils intakt zu sein scheint. Sozusagen als letzte Bastion vor dem Weg aus der Zivilisation hinaus. Die Straße führt anscheinend raus aus der Stadt an einem See vorbei und weiter durch den Wald, bis er sich darin verliert. »Wahrscheinlich führt er weiter hinten wieder hoch auf die befestigten Straßen.« Hinter dem Manor erblickt Hutch noch einen Friedhof, der aber sehr wenige Gräber zu haben scheint. »Ihr seid euch wohl zu fein, um euch neben uns normal Sterblichen begraben zu lassen«, sagt er und rümpft dabei die Nase. Das zweitgrößte Gebäude ist allerdings nicht die Polizeistation, sondern das Krankenhaus. Zweistöckig steht es fast mittig an der rechten Seite der Mainstreet. Am Anfang steht noch die Schule, klein wie für eine dörfliche Schule typisch, links in einer der Straßen. Hutch kann viele verkohlte Fenster erkennen und der Eingang sieht aus, als wäre er eingestürzt. »Hoffentlich konnten sich die Kinder retten.« Weit hinter dem See sieht Hutch noch die Umrisse des Sägewerks. Der Rest sind größtenteils abgebrannte Häuser, wobei ein paar Wenige noch halb bis ganz stehen. Über der Stadt liegt etwas Unheimliches, wie ein Schleier. »Ist das Bodennebel?«, fragt sich Hutch. Er ist sich sicher, dass er dort unten ein paar Antworten, aber noch viel mehr Fragen finden wird. »Na super, die ganzen Sachen werde ich sicher nicht mal brauchen. Egal, lieber zuviel als zu wenig dabei.« Seinen gepackten Rucksack nimmt er mit, die Kamera um den Hals und das Taschenmesser in der hinteren Hosentasche. Als er die Straße entlanggeht denkt er sich noch: Verdammt, wieso geht mir dieser Typ von der Tankstelle nicht aus dem Kopf? Und dieser Barcode an seinem Nacken. Als wäre er einer dieser Hitmen.

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