• Chevy

"TERROR: Kapitel 2" von Cevdet 'Chevy' Ildiz

KAPITEL II: LARA


Lara die Postbotin, zumindest kennt Hutch sie als solche, ist unter der Dusche, als das Telefon klingelt. Sie besitzt natürlich eine dieser pikfeinen Massageduschen mit mehreren Duschköpfen und Düsen. Sie liebt das Wasser heiß, heißer, am heißesten. Bis ihre Haut krebsrot ist bleibt sie darunter stehen. Ihre braune Echthaarperücke steht auf einem Regal im Badezimmer. Eigentlich hat sie blonde Haare, die ihr bis zum Nacken reichen. Sie hat diese Identität schon eine sehr lange Zeit angenommen und ihr oberstes Gebot ist, niemals Jemanden mit in ihre Wohnung zu bringen. Wie soll sie dem Besucher sonst das High-Tech Überwachungszimmer erklären, welches sich neben ihrem Schlafzimmer befindet?



Oder den Waffenschrank, der neben herkömmlichen Handfeuerwaffen, auch Großkaliber, sowie Nahkampfwaffen und Granaten enthält? Sie ist glücklich alleine und zufrieden mit den Dingen, so wie sie sind. Es ist simpel und sie muss sich um keine andere Person Gedanken machen. Außer um Hutch. Ja Hutch war etwas Besonderes. Natürlich nicht für sie. Dieser nette großgewachsene Mann mit seinem vollen Bart, dessen Farbe dieselbe Farbe hat wie die Haare seiner Mutter. So hat es ihr Bill zumindest gesagt. Die meisten wussten es nicht, aber er sieht seinem Vater zum Verwechseln ähnlich. Vor allem, wenn er mal wieder seinen Trenchcoat und den Hut aufsetzt, beides Dinge, die sein Vater auch gerne getragen hat, konnte man meinen, man sieht Bill Birkin vor sich, wie er leibt und lebt. Natürlich konnte das nicht sein, denn Bill Birkin ist vor vielen Jahren offiziell an Lungenkrebs verstorben. Natürlich nur für diejenigen Personen, von denen er wollte, dass sie das denken. Er selbst ist an einem Ort, den er seine ̎Zuflucht̎ nennt. Und wartet dort auf den Tag, an dem er seinen Sohn wiedersehen wird. Es hat lange gedauert, um alles auf die Ankunft von Hutch vorzubereiten, doch nun endlich ist es soweit und damit kann auch Lara bald diese Scharade beenden. In ihren Augen ist Bill Birkin ein Genie. Er hat ein Erbe angetreten, welches so gigantisch ist, dass man es kaum beschreiben konnte. Doch für alle war klar: Nur er kam dafür in Frage. Ein mutiger Mann, begabt in der Medizin und begnadeter Forscher. Er ist zielstrebig und wissensdurstig. Ein Mann von Welt. Lara war damals und ist bis heute noch in Ihn verliebt. Auch wenn Sie damals nur ein kleines Mädchen war, hat sie nie aufgehört ihn zu lieben und zu ihm aufzuschauen. Jetzt ist sie eine junge Frau und wurde von Bill Birkin damals auserwählt, zu seinen Augen und Ohren zu werden, um auf Hutch aufzupassen. Vor ein paar Tagen hat sie einen alten Brief gekriegt mit dem Auftrag, ihn Hutch zu übergeben. Mit einem kleinen speziellen Drink. Die Geschichte, die sie erzählen sollte, hatte Hutchs Vater ihr genau mitgeteilt, damit nichts schief ging. Also ist sie an besagtem Tag, natürlich während ihrer Arbeitszeit, zu Hutchs Büro gegangen und hatte ihm den Brief wie aufgetragen übergeben. Hutch ist zwar ein netter Kerl, aber hat absolut nicht dasselbe Charisma wie sein Vater. Von der körperlichen Fitness mal ganz zu Schweigen. Bill war schon immer sehr sportlich und hat sich immer fit gehalten. Auch jetzt in seinem höheren Alter, beschränkt er sich zwar auf Liegestütze und Sit-ups, aber diese Übungen macht er regelmäßig. Hutchs einzige sportliche Aktivität ist, soweit sie es weiß, Golf spielen, was er nicht wirklich beherrscht und seine Spaziergänge am Morgen. Und selbst bei dieser Gelegenheit stopft er sich mit einem Eisbecher voll, den sie wohl nur zur Hälfte vertilgen könnte. Lara ist bei bester Laune, denn seit der Ankunft des Briefes von Bill, weiß sie, dieses Spiel hat bald ein Ende. Dann kann ich endlich wieder zu Bill, denkt sie sich. Sie ist die einzige Person, die ihn Bill nennen darf. Der Rest, auch Henry, die Nummer 2 von Bill, muss ihn Doktor Birkin nennen. Er hat seinen Doktor zwar nie gemacht, aber was er weiß und sich im Laufe der Jahre angeeignet hat, reicht für 10 Doktoren und Professoren. Sie duscht sich gerade ab, als sie das Telefon hört. Sie weiß wer es ist. Hals über Kopf trocknet sie sich halb ab und legt sich ein Handtuch um. Sie rennt förmlich durch den Flur zum Telefon, welches nur für Notfälle von 2 Personen angerufen werden darf. Und zwar von Bill oder Henry. Sie mag Henry nicht und deshalb nennt sie ihn nur die Nummer 2. Natürlich ist er, genau wie Hutch, total in Lara verschossen. Das wusste sie beim ersten Blick in die Augen von den Beiden. Aber diese Wirkung hat sie so ziemlich auf alle Männer, denen sie in ihrem Leben begegnet. Alle außer Bill. Bill war schon immer anders. Er hatte nur eine große Liebe gehabt, und diese ging von uns. Nach ihr schwor er sich, niemals mehr eine Frau zu lieben. Trotzdem ließ Lara sich all die Jahre nie entmutigen und hofft bis heute, dass eines Tages, Bill ihre Gefühle erwidern würde. Ich tue alles für dich, Bill. Streng genommen tut sie das sogar schon eine sehr lange Zeit. Dieser Job war seine Idee. Eine Postbotin würde schnell Anschluss in einer Gemeinde finden und so gut wie nie verdächtig wirken. »Toller Job. Den ganzen Tag auf den Beinen sein und irgendwelchen Dorfdeppen die Post bringen. Und zu allem Überfluss nur so unattraktive alte Knacker als Kollegen. Da kann ich mir wahrlich bessere Jobs vorstellen. Aber wenn Bill meint, das muss sein, dann muss es sein« Sie steht halb nackt, mit Handtuch bedeckt am Telefon und nimmt ab. Es ist doch nur Henry. Keine Identifikationsaufforderung nötig. Den erkennt sie überall an seinem Lispeln. »Was willst du!« Keine Frage, sondern eine enttäuschte Aussage.

»Hey Lara, na wie geht’s dir so? Heut schon mit deinem Traummann telefoniert? Ach, ich ruf ja gerade an«, sagt er und kichert.

»Komm zur Sache. Ich habe nicht den ganzen Abend Zeit und will noch etwas essen.«

»Okok. Also wegen deinem Freund Hutch…«

»Er ist nicht mein Freund!«, stellt sie fest.

»Naja wegen Hutch eben. Bist du dir sicher, dass der hier Halt macht? Ich mein, das is schon ganz schön weit hergeholt von Bill…«

»Du sollst ihn nicht so nennen!«, kreischt sie schon fast ins Telefon. Ihre Finger umklammern den Hörer so fest, dass man das Weiße an Ihren Knöcheln sehen kann. »Nur ich darf ihn so nennen, merk dir das. Er heißt Doktor Birkin für dich!«

»Wow, sind wir heute etwas gereizt? Komm runter Honigkuchen. Jedenfalls find ich das alles ganz schön unsicher. Ich mein, es is eh schon ein Wunder, dass das alles mit der Fake Google Seite funktioniert hat und so. Aber das hier? Ich hab kein Bock umsonst hier rumzustehen und einen auf Dorfdeppen zu machen«

»Hör auf und zweifle nicht an Bills Plänen. Er ist ein Genie und weiß genau, was er tut. Anders als du, weshalb du auch immer nur die Nummer 2 bleiben wirst«

Henry wurde wütend: »Halt´s Maul du Schlampe! Wenn Bill nicht wär, hätt ich dich schon längst um die Ecke gebracht! Du punktest doch nur mit deinen Titten und deinem Arsch bei dem alten Knacker. Was glaubst du wer am längeren Hebel sitzt, wenn er den Löffel abgibt? Also sei mal etwas netter zu mir, sonst komm ich und hol dich!«

Lara lässt sich natürlich nicht im Geringsten von Henrys Drohungen beeindrucken. Sie ist sich zu sicher, dass Bills schützende Hand immer über ihr schwebt. »Hör auf mit deinen halbherzigen Drohungen mein Lieber. Sonst wird dir das noch leidtun, wenn ich zu Bill gehe und ihm diese Aufnahme zeige. Du weißt, dass ich jedes Gespräch aufnehme. Also nochmal zum Mitschreiben: Ich habe Hutch immer unter Beobachtung, weshalb ich den Zeitpunkt, an dem er an den Laptop ging um nach Darrey zu suchen, genau timen konnte. Dann habe ich das Störsignal gesendet und er konnte die falschen Bilder der ̎Stadt̎ sehen, also kein Grund zur Sorge. Ich gebe zu ich hatte kurz Bedenken, weil er schon im Bett lag, aber Bills Einschätzung war natürlich treffend und deshalb wird auch nichts schief gehen.«

»Na ich hoffe du hast Recht.« Seine Wut ist etwas gemildert. Er hat vergessen, dass Lara jedes Gespräch aufnimmt und es Bill zeigen kann, wenn sie will. Und wenn Bill sauer wird, dann war das meistens einhergehend mit Tod und Verderben für den oder die Unglückliche. »Jedenfalls steh ich bereit und warte nur, dass unser Versuchskaninchen auftaucht.«

»Er wird morgen früh losfahren. Vorhin war er noch bei mir in der Poststation«. Bei den Worten verzieht sie die Nase, als würde sie etwas Schlechtes riechen. »Ich konnte ihn überzeugen, nach Darrey zu fahren. Der Schlappschwanz wäre fast zur Polizei gegangen. Obwohl das auch kein Problem gewesen wäre, denn die hätte man einfach schmieren können. Aber er wird sich auf den Weg machen, und so wie ich ihn kenne, werden ihm Zweifel kommen oder er will sich nochmal bei mir melden. Verdammt, ich musste ihm sogar einen Kuss auf die fettige Wange geben, um ihn ganz sicher zu überzeugen!« Bei dem Gedanken dreht sich Lara der Magen um und ihr wird kurz übel.

»Wow, euer erster Kuss«, blödelt Henry herum. »Alles klar, wenn was is, ruf ich an. Und wenn er weg is, meld ich mich eh nochmal bei dir«

»Ok verstanden. Und denk daran ihm den Peilsender irgendwie unterzujubeln, damit Bill immer weiß, wo er gerade steckt« Mit diesen Worten legt sie auf, ohne auf ein ̎Auf Wiedersehen̎ von Henry zu warten. Sie muss endlich etwas essen, um dieses ekelhafte Gefühl von ihren Lippen zu kriegen.

Sie legt das Handtuch ab und zieht sich Ihren Bademantel an. Natürlich ein spezieller aus Seide. Ihre Haare föhnt sie erstmal trocken. Durch ihren Haarschnitt liegt ihr Nacken frei und man kann gut das Barcode Tattoo erkennen, das alle Mitarbeiter der Organisation haben. Eine Organisation, so riesig und umfangreich, dass Lara in all den Jahren nie rauskriegen konnte, wer eigentlich der Obermacker ist. Für sie war, ist und wird es immer Bill sein. Sie fühlt mit ihren Fingern über das Tattoo. An den Tag erinnert sie sich immer wieder als einen der schmerzhaftesten, aber auch als einen der schönsten Tage in ihrem Leben. Bill hatte Lara damals adoptiert, nachdem ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen und wie seine eigene Tochter aufgezogen. Damals war sie noch jung gewesen. Sie war überwältigt von Bills Zuhause. Sie durfte natürlich nicht mit seiner Frau Sandra in Kontakt treten, und so wurde Lara von Bill aufgezogen. Das heißt immer dann, wenn er nicht gerade in seine Forschungen vertieft war. Zum größten Teil wurde sie von Bediensteten erzogen, welche ihr auch Hausunterricht erteilten. Irgendwann kam noch Henry dazu und sie freute sich endlich über einen richtigen Bruder. Allerdings entpuppte sich Henry als wenig charmant und eher als perverser Typ, der Ihr nur an die Wäsche wollte. Und das, obwohl er älter war als sie. Mit der Volljährigkeit bekamen sie beide Ihr Tattoo. »Das muss so sein, denn wir sind eine Familie. Und das wird immer so bleiben«, sagte Bill zu ihnen. Seitdem ist Lara Bills Ohren und Augen, wobei Henry eher der Mann fürs Grobe ist. Er mag zwar nicht so aussehen, doch hat er ziemlich viel Kraft, wenn es drauf ankommt. Das hat sie selbst am eigenen Leib erfahren. Kurz darauf gab Bill ihr diesen Auftrag, den sie seitdem ausführt. Er verschaffte Ihr eine neue Identität und den Job. Alles was sie hat, verdankt sie Bill und deshalb ist es für sie nur natürlich ihn zu lieben und alles zu tun, was er verlangt. Ihre Loyalität hatte er damals auf die Probe gestellt, als er ihr befahl, den Hund, den sie viele Jahre hatte, auf der Stelle zu erschießen. Sie hatte kurz gezögert und ängstlich gewirkt. Dann jedoch sah sie in Bills dunkle Augen, die sie streng anblickten und wusste, wenn sie nicht schoss, würde sie gehen müssen. Und das würde in Bills Welt nur in einem Sarg passieren. Also schoss sie. Einmal, zweimal. Die erste Kugel traf den Hund an der Flanke und er fing an zu winseln und zu knurren. Der zweite Schuss dann, war gezielter und traf ihn mitten ins Gesicht und er fiel zu Boden, umgeben von Fleischmasse und Blut. Danach breitete sich ein Grinsen auf ihrem süßen unschuldigen Gesicht aus und sie schoss noch dreimal hinterher, bis der Revolver leer war. Sie hatte Blutspritzer im Gesicht und auf ihrer Kleidung, aber sie fühlte sich lebendig und vor Allem mächtig. Sie drehte sich zu Bill, wischte sich das Blut vom Gesicht und fragte ihn: »Habe ich das gut gemacht Bill?«

»Hervorragend Kleines«, sagte er und nahm sie in den Arm. Sie kuschelte sich an ihn und das Blut verschmierte sein ganzes Hemd. Es war ihm egal, denn er wusste, in ihr hatte er eine loyale und tödliche Waffe gefunden. Soweit es Lara betrifft, war sie immer ein Einzelkind. Und so denkt sie heute noch. Auch wenn Hutch vor ihr in Bills Welt kam, sah sie immer sich selbst als einziges Kind von Bill. Henry und Hutch werden nie ihre Brüder sein. Eher erschieße ich mich, als solche Versager Brüder zu nennen.

Die Jahre vergingen und sie wartet seitdem auf den Tag, an dem sie zu Bill zurückkehren kann, um bei ihm zu bleiben. Hoffentlich für immer. Sie macht sich ans Essen. Am liebsten isst sie immer Steak, allerdings schön blutig. Sie brät es auf jeder Seite kurz an und macht sich noch Kartoffeln als Beilage. Soße rundet das Ganze ab und so sitzt sie am Esstisch und verdrückt diese Portion hastig, als wolle sie einen Wettkampf gewinnen. Beim Essen denkt sie immer an Ihren Hund, an das Blut und natürlich an das warme Gefühl von Bills Brust an ihr und wie geborgen sie sich gefühlt hat. Bill ist ihr Fels und wehe dem, der sich zwischen die beiden stellt. Nach dem Essen legt sie sich hin und schläft beinahe augenblicklich ein. Sie träumt davon, wie sie und Bill in einer Hütte am See ohne Namen leben. Um sie herum ist alles abgebrannt und in weiter Ferne lodern Flammen. »Wir haben es geschafft Daddy«, hört sie sich sagen. »Jetzt sind nur noch wir übrig. Freust du dich auch so sehr wie ich?« Bill dreht sich um zu Ihr und küsst sie auf den Mund. Ein ehrlicher Kuss voller Liebe. »Natürlich mein Schatz, nur wir Drei« Sie streichelt ihren Bauch und Bill legt seinen Kopf darauf. »Wir werden eine neue Familie gründen!« Sie lächelt im Schlaf bei dem Gedanken daran und bis zum Morgen träumt sie nichts anderes.

Als Lara aufwacht, ist sie guter Dinge. Heute sollte sich alles ändern! Sie schaut auf Ihr Handy. Noch keine Nachricht von Hutch. Wahrscheinlich schläft der Penner noch!

Zu ihrer morgendlichen Routine gehört immer eine Stunde hartes Training nach dem Frühstück. Dafür hat sie sich extra einen eigenen Raum mit Boxsack eingerichtet. Danach duscht sie ausgiebig und macht sich bereit auf die Arbeit zu gehen. Noch immer kein Anruf von Hutch. Aber das sollte nicht lange auf sich warten lassen. Ihr Handy hat sie immer auf Lautlos, wenn sie arbeitet. Sie ist schließlich Profi bei jedem Job. »Das ist eine Frage der Disziplin«, sagt sie sich immer. Und abgesehen davon, hält sie die Kommunikation zu anderen Personen außer zu Bill auf ein Minimum begrenzt. Heute bekam sie wieder die große Runde, welche durch den Park führt und auch an den Einkaufsläden im Inneren der Stadt. Dort kommt sie auch an Hutchs Büro/Wohnung vorbei. Ihr letzter Stopp, ist dann das Polizeirevier, wo viele »Polizisten« arbeiten. Eigentlich sind es Mitarbeiter der Organisation, damit alles was mit ihr in Zusammenhang gebracht werden kann, nicht die Grenzen verlässt. Es ist 10 Uhr, als sie dort vorbeiläuft. Auf der Hälfte ihrer Tour kommt sie an den Einkaufsläden vorbei, dort ist auch der Eisladen von Jacob. Sie geht gerade bei rein, um sich ein Eis zu holen, als ihr Handy vibriert. Beim Bestellen ihrer Kugel Schokolade schaut sie darauf und stellt mit Schadenfreude fest, dass es Hutch ist. Sie bezahlt das zugegebenermaßen überaus leckeres Eis (die einzige Essenssünde, die sie in die Richtung begeht) und schreitet hinaus. »Dieses Eis werde ich wohl als einziges hier vermissen«, sagt sie laut. Ein Mann, der vorbeiläuft, begutachtet den wohlgeformten Körper der Postbotin beim Vorbeigehen. »Das allerdings nicht«, bemerkt sie auch laut und der Mann, der die Worte klar vernommen hat, dreht sich mit hochrotem Kopf um und geht seines Weges. Sie beschließt einen ihrer Stopps im Park einzulegen, um das Eis auf einer Parkbank zu essen. Dabei zückt sie das Handy und hört die Nachricht ab, die ihr Hutch hinterlassen hat. Während sie der Stimme zuhört erscheint, nach und nach ein Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht. Jedoch nicht etwa eines dieser sympathischen gut gemeinten Gesichtsausdrücke, welche das Gesicht um Jahre jünger aussehen lassen, sondern ein gehässiges Lächeln, bei dem man ihre Zähne aufblitzen sieht. Diese Grimasse drückt Vorfreude aus. Vorfreude auf etwas durch und durch Böses. Ihre Augen weiten sich, als würde sie sich auf etwas ganz bestimmtes, einen Satz in einem Buch etwa, konzentrieren. Ihr Lächeln, welches zum Grinsen wird, breitet sich aus, als würde es von einem Ohr zum anderen reichen. Dabei umklammert sie das Handy so fest, dass es anfängt leicht zu knacken. »Ja lauf nur in dein Verderben du Bastard! Das hast du verdient, nachdem, was du Bill angetan hast!«, zischt sie etwas zu laut. Beim Reden läuft etwas von dem soeben abgeleckten Eis an ihrem Mundwinkel herunter. Die Eiswaffel in der anderen Hand wird zerdrückt und die Reste fallen auf den Boden. Ein paar Mütter und Ehepaare mit Kindern schauen sich zu ihr um. Sie alle kennen die Postbotin und sind regelrecht entsetzt was sie da sehen: eine im Grunde sehr attraktive junge Frau, die gekrümmt auf der Parkbank sitzt, das Handy ans Ohr gepresst und in der anderen Hand eine zerdrückte Eiswaffel. Mit dem geschmolzenen Rinnsal von Schokoeis sieht sie aus, wie ein Vampir, der Blut mit Eis verwechselt hat. Lustig, wenn es nicht so furchteinflößend aussehen würde. Die Eltern und Mütter drehen ihre Kinder von der Gestalt weg und halten ihnen die Ohren zu. So gehen langsam alle Parkbesucher in alle Himmelsrichtungen davon, bis die Postbotin am Ende allein dasitzt und erst zu spät bemerkt, was los ist. Ein Mann kommt doch nochmal zu ihr zurück und fragt sie: »Hey Lara, ist alles in Ordnung?« Sie wischt sich kurz mit dem Handgelenk das Eis von den Mundwinkeln und sagt dann mit einem fröhlichen Lächeln: »Ja klar, sorry ich hatte nur einen schlimmen Anruf bekommen. Aber danke für deine Fürsorge.« Damit steht sie auf und verlässt den Park. Das zerquetschte Eis wirft sie im Vorbeigehen einfach in einen Busch, anstatt es in den Mülleimer, der genau daneben steht zu werfen. Danach leckt sie sich genüsslich ihre Finger ab. Ihr letzter Stopp ist das Polizeirevier, wo sie ein paar Briefe ausliefert und dazu noch eine Nachricht an den Sheriff dieses Kaffs. Darin sind Anweisungen von Bill, für das bevorstehende Ereignis und wie sich die Mitarbeiter in dem Fall verhalten sollen. Außerdem die Anweisung, zu welcher Zeit sie aus der Stadt verschwinden müssen. Danach geht sie wieder zurück in die Poststelle, um den verbliebenen Schreibkram zu erledigen. Als ihr Handy wieder vibriert, macht sie gerade Mittagspause, deshalb nimmt sie den Anruf an. Es war Henry:

»Hey Lara. Also dein Freund hat mir gerade nen netten Besuch abgestattet.«

Sie will ihn wieder anschreien. Es ist ihr völlig klar, dass er Hutch immer ihren ̎Freund̎ nennt, um sie auf die Palme zu bringen. Aber die anderen Mitarbeiter sind mit ihr in einem Raum, das wäre zu auffällig, deshalb sagt sie: »Hey das freut mich zu hören. Ich bin leider gerade in der Mittagspause. Können wir das nachher besprechen?«

Sie kann das breite Grinsen, welches sich mit Sicherheit auf Henrys Gesicht ausbreitet, vor ihrem geistigen Auge sehen. »Oh nein, das tut mir leid, aber ich wollt dir nur sagen, dass dein Freund (̎Frrrrrrreeeeeund̎) gleich im Tal ankommen müsste. Ich denke, weil du gerade in der Mittagspause bist, werd ich wohl Bill anrufen und ihm die Nachricht überbringen müssen.«

»Ja ok, mach das ruhig, wir hören uns dann nachher. Ich hoffe du hast ̎Die Sache̎ erledigt, die dir aufgetragen wurde?«, fragt sie höflich. Unter dem Tisch bohrt sie sich einen Fingernagel in die Hand bis es blutet, um nicht vor Wut aufzuschreien.

»Klar«, sagt er, »ich hab ihm den Peilsender in eine Packung Marlboro gesteckt, also müsste Bill ihn direkt auf dem Schirm haben, sobald er den Ort betritt. Im Übrigen war das schlampige Arbeit von dir. Du hast gesagt, er raucht nur West.«

»Jeder macht mal Fehler, oder nicht? Jedenfalls, danke für den Anruf. Wir hören uns dann wieder.«

»Alles klar, bis dann. Ich sag Bill, dass alles glatt gelaufen ist.« Klick! Aufgelegt! Sie ist sauer. Nicht nur, weil Henry wieder das Wort ̎Freund̎ benutzt hat und sie ihn gar nicht zurechtweisen konnte, sondern auch, weil Henry jetzt Bill anrufen darf, um ihm vom Erfolg zu berichten und nicht sie selbst. Sie hat schon lange nichts mehr von Bill gehört, denn meistens meldet er sich entweder per Telefon oder Brief, wenn etwas anliegt und nicht andersrum. Das letzte Mal war vor ein paar Tagen, als ein Päckchen ankam mit zwei Ampullen. Darin war ein Zettel mit der Anweisung, Hutch seine ̎Medizin̎ zu verabreichen. Das andere Fläschchen war für Lara.

Seitdem ist nichts Neues mehr von Bill gekommen. Kein Anruf, kein Brief, gar nichts. Das macht Lara immer traurig und wütend, denn für sie ist Bill alles was zählt. Sie hat den Auftrag natürlich erledigt, indem sie Hutch den Inhalt des Fläschchens mit dem Kaffee verabreichte, welchen sie ihm beim letzten Besuch angeboten hat. Wahrscheinlich hätte er es auch so getrunken, wenn sie ihn gefragt hätte. Er ist wie Wachs in ihren Händen.

Nach Feierabend, sie arbeitet immer nur bis Mittags, geht sie nach Hause und isst noch ein blutiges Steak. Dabei denkt sie an das, was noch kommt und freut sich, Bill wiederzusehen. »Was Hutch wohl gerade macht?«, fragt sie in den leeren Raum in der Hoffnung, dass es ihm wirklich schlecht geht. Ihre Hoffnung wird erhört.

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